Der Workshop ist beendet. Wir haben es geschaff! Nur noch den Blog schreiben, dann geht es Morgen weiter nach Namibia.
Sonntag, 15. Februar 2015
Samstag, 14. Februar 2015
Oase der Hoffnung
iThemba Labantu bahnt Menschen aus dem Slum einen Weg in ein
besseres Leben
Bretterbuden und Wellblechhütten so weit das Auge sieht. In
Philippi, einem Township bei Kapstadt, regieren Armut und Gewalt. Doch
mittendrin steht auch iThemba Labantu: ein evangelisch-lutherisches Zentrum mit
Kirche, Suppenküche, Ausbildungswerkstätten, Aids-Krankenhaus, Töpferei und
mehr. Die 29-jährige Sophia Zittel aus Deutschland arbeitet hier als Sozialarbeiterin
– und erzählt uns Deutschen von beglückenden, aber auch frustrierenden
Erlebnissen.
Sophia, was ist das
größte Problem in Philippi, worunter leiden die 450 000 Menschen, die hier
leben, vor allem?
Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, es gibt keine Toiletten, kein fließend Wasser und die Häuserwände sind im Winter viel zu dünn, man friert. Aber viel schlimmer sind die Gewalt und die Perspektivlosigkeit. Ungefähr jeder Dritte hier hat Aids, der Alkoholismus ist weit verbreitet, viele Kinder werden sexuell missbraucht. Das merken wir auch bei den Theaterstücken, die wir zusammen mit Jugendlichen aus dem Township entwickeln. Was sie auf die Bühne bringen, ist voller Gewalt, in jedem Stück wird irgendwer erschossen oder vergewaltigt… Bei den Hausbesuchen, die wir machen, sehen wir ständig Kinder, die man eigentlich sofort aus der Familie rausholen müsste. Aber das können wir nicht.
Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, es gibt keine Toiletten, kein fließend Wasser und die Häuserwände sind im Winter viel zu dünn, man friert. Aber viel schlimmer sind die Gewalt und die Perspektivlosigkeit. Ungefähr jeder Dritte hier hat Aids, der Alkoholismus ist weit verbreitet, viele Kinder werden sexuell missbraucht. Das merken wir auch bei den Theaterstücken, die wir zusammen mit Jugendlichen aus dem Township entwickeln. Was sie auf die Bühne bringen, ist voller Gewalt, in jedem Stück wird irgendwer erschossen oder vergewaltigt… Bei den Hausbesuchen, die wir machen, sehen wir ständig Kinder, die man eigentlich sofort aus der Familie rausholen müsste. Aber das können wir nicht.
Wieso nicht?
Das ist sehr schwierig, und wir haben auch nicht genügend Geld und Platz. IThemba Labantu finanziert sich ja vor allem über Spenden, der Staat gibt uns nur ein bisschen Geld für die Kindergartenplätze und die Pflege der Aidskranken. Wir würden gerne noch eine Grundschule bauen, die Stadt verkauft uns kein Land, seit Jahren kämpfen wir darum. Wenn man ein Grundstück kaufen und bebauen will, muss man x verschiedene Anträge bei Behörden einreichen, das ist langwierig und zermürbend. Letztlich sind die Leute auch einfach ignorant. Aber wir haben jetzt eine andere Lösung gefunden: Wir werden unsere Aidsstation schließen und die Räume umfunktionieren.
Das ist sehr schwierig, und wir haben auch nicht genügend Geld und Platz. IThemba Labantu finanziert sich ja vor allem über Spenden, der Staat gibt uns nur ein bisschen Geld für die Kindergartenplätze und die Pflege der Aidskranken. Wir würden gerne noch eine Grundschule bauen, die Stadt verkauft uns kein Land, seit Jahren kämpfen wir darum. Wenn man ein Grundstück kaufen und bebauen will, muss man x verschiedene Anträge bei Behörden einreichen, das ist langwierig und zermürbend. Letztlich sind die Leute auch einfach ignorant. Aber wir haben jetzt eine andere Lösung gefunden: Wir werden unsere Aidsstation schließen und die Räume umfunktionieren.
Die Aidsstation
schließen? Ist sie nicht mehr wichtig?
Sie wird nicht mehr so dringend gebraucht. Als unser Leiter Otto Kohlstock, der letzte Missionar der Berliner Stadtmission, 2003 Pastor in Philippi wurde, war die Situation hier noch eine ganz andere. Otto hatte angefangen, Essen auf dem Kirchengrundstück auszugeben, und daraufhin brachten die Leute Aidskranke zur Kirche. Das war der Anfang. Inzwischen behandeln wir in unserem Care Center jeweils 18 HIV-Infizierte für zwei bis sechs Monate, mit Zuschüssen vom Staat. Viele der Kranken sind in sehr, sehr schlimmen Zustand, wenn sie hier ankommen, aber fast alle können wir so stabilisieren, dass sie mit der Krankheit weiterleben können. Es gibt inzwischen einfach wirkungsvollere Medikamente. Letztes Jahr wurde dann ein großes staatliches Krankenhaus in Philippi gebaut. So können wir das Care Center bald schließen und die Räume für eine Grundschule nutzen.
Sie wird nicht mehr so dringend gebraucht. Als unser Leiter Otto Kohlstock, der letzte Missionar der Berliner Stadtmission, 2003 Pastor in Philippi wurde, war die Situation hier noch eine ganz andere. Otto hatte angefangen, Essen auf dem Kirchengrundstück auszugeben, und daraufhin brachten die Leute Aidskranke zur Kirche. Das war der Anfang. Inzwischen behandeln wir in unserem Care Center jeweils 18 HIV-Infizierte für zwei bis sechs Monate, mit Zuschüssen vom Staat. Viele der Kranken sind in sehr, sehr schlimmen Zustand, wenn sie hier ankommen, aber fast alle können wir so stabilisieren, dass sie mit der Krankheit weiterleben können. Es gibt inzwischen einfach wirkungsvollere Medikamente. Letztes Jahr wurde dann ein großes staatliches Krankenhaus in Philippi gebaut. So können wir das Care Center bald schließen und die Räume für eine Grundschule nutzen.
Wir haben gehört, dass
iThemba Labantu vor allem von Europäern finanziell unterstützt wird. Wie kommt
das? Es leben doch auch in Südafrika viele reiche Menschen, die helfen könnten.
Ja, das stimmt. Wir hoffen auch, dass sich das langsam ändert. Aber es sind einfach Parallelgesellschaften. Natürlich wissen die Wohlhabenden, dass es hier Townships gibt, aber mit ihrer Welt haben die nichts zu tun. Philippi ist außerdem ein Schwarzenviertel, viele Reiche sind weiß, ich denke schon, dass die Apartheid da noch nachwirkt.
Ja, das stimmt. Wir hoffen auch, dass sich das langsam ändert. Aber es sind einfach Parallelgesellschaften. Natürlich wissen die Wohlhabenden, dass es hier Townships gibt, aber mit ihrer Welt haben die nichts zu tun. Philippi ist außerdem ein Schwarzenviertel, viele Reiche sind weiß, ich denke schon, dass die Apartheid da noch nachwirkt.
Du selbst wolltest
eigentlich nur ein Jahr als Freiwillige bei iThemba Labantu arbeiten, jetzt
bist Du seit neun Jahren hier. Wie kommt das?
Ich hatte einfach das Gefühl, dass das hier mein Platz ist, meine Aufgabe. Ich komme eigentlich aus Freiburg, aber habe meiner Familie in Deutschland nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr erklärt, dass ich auswandere, hier weiter arbeite und parallel Sozialarbeit studiere.
Ich hatte einfach das Gefühl, dass das hier mein Platz ist, meine Aufgabe. Ich komme eigentlich aus Freiburg, aber habe meiner Familie in Deutschland nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr erklärt, dass ich auswandere, hier weiter arbeite und parallel Sozialarbeit studiere.
Aber was hält Dich
hier, was reizt Dich so an der Arbeit?
Dass iThemba Labantu so lebendig ist. Es entwickelt sich ständig weiter. Am Anfang stand hier nur die Kirche mit dem Garten. Dann kam eine Suppenküche dazu, weil Otto gemerkt hat, dass die meisten hier kaum etwas zu essen haben. Der nächste Schritt war, auf dem Gelände Möglichkeiten zum Geldverdienen zu schaffen, damit die Familien die Schuluniform für ihre Kinder bezahlen können. So ist unsere Perlenwerkstatt entstanden, die lange Zeit ziemlich erfolgreich war. Sechs, sieben Jahre lang haben wir hier Weihnachtsschmuck aus Perlen gefertigt und nach Deutschland importiert, 4,5 Millionen Euro sind so reingekommen. Inzwischen läuft das Geschäft nicht mehr so gut, man braucht eben nicht jedes Jahr wieder Weihnachtsschmuck. Aber die Produkte aus der Keramikwerkstatt verkaufen sich sehr gut. Wir überlegen, hier noch eine Ausbildung zum Keramiker einzurichten, zusätzlich zu den anderen Ausbildungen, die es schon gibt.
Dass iThemba Labantu so lebendig ist. Es entwickelt sich ständig weiter. Am Anfang stand hier nur die Kirche mit dem Garten. Dann kam eine Suppenküche dazu, weil Otto gemerkt hat, dass die meisten hier kaum etwas zu essen haben. Der nächste Schritt war, auf dem Gelände Möglichkeiten zum Geldverdienen zu schaffen, damit die Familien die Schuluniform für ihre Kinder bezahlen können. So ist unsere Perlenwerkstatt entstanden, die lange Zeit ziemlich erfolgreich war. Sechs, sieben Jahre lang haben wir hier Weihnachtsschmuck aus Perlen gefertigt und nach Deutschland importiert, 4,5 Millionen Euro sind so reingekommen. Inzwischen läuft das Geschäft nicht mehr so gut, man braucht eben nicht jedes Jahr wieder Weihnachtsschmuck. Aber die Produkte aus der Keramikwerkstatt verkaufen sich sehr gut. Wir überlegen, hier noch eine Ausbildung zum Keramiker einzurichten, zusätzlich zu den anderen Ausbildungen, die es schon gibt.
Vermisst Du
Deutschland?
Nein. Kapstadt hat einen ganz eigenen Charme und die Menschen hier sind irgendwie freier. In Deutschland geht es eigentlich allen gut, materiell jedenfalls. Auch wer keine Arbeit hat, muss nicht hungern und auch nicht obdachlos werden. Hier in Südafrika haben die Leute weder eine Krankenversicherung noch gibt es Arbeitslosenhilfe. Fast alle hier haben schon irgendeine Tragödie in ihrer Familie erlebt – dass jemand erstochen wurde, überfallen oder so. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie glücklicher sind, viel mehr lachen und das Leben genießen. Sie leben im Moment. Ich kann hier freier atmen. Und die Kinder, die zu uns kommen, sind alles meine Kids.
Nein. Kapstadt hat einen ganz eigenen Charme und die Menschen hier sind irgendwie freier. In Deutschland geht es eigentlich allen gut, materiell jedenfalls. Auch wer keine Arbeit hat, muss nicht hungern und auch nicht obdachlos werden. Hier in Südafrika haben die Leute weder eine Krankenversicherung noch gibt es Arbeitslosenhilfe. Fast alle hier haben schon irgendeine Tragödie in ihrer Familie erlebt – dass jemand erstochen wurde, überfallen oder so. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie glücklicher sind, viel mehr lachen und das Leben genießen. Sie leben im Moment. Ich kann hier freier atmen. Und die Kinder, die zu uns kommen, sind alles meine Kids.
Fünf Fakten über iThema Labantu
1.
Der Name bedeutet „Hoffnung für die Menschen“
2.
Gegründet wurde das Zentrum von den drei
lutherischen Kirchen in Südafrika und dem Ehepaar Margarete und Klaus Doppler
aus München.
3.
120 Kinder zwischen drei und sechs Jahren
besuchen den Kindergarten in Itemba Labantu, die Warteliste für weitere Kinder
ist lang. Die älteren Kinder kommen nach der Schule her, essen in der Suppenküche,
machen Hausaufgaben und nehmen an Freizeitangeboten teil.
4.
Jeder zweite Jugendliche in Philippi bricht die
Schule ab und landet auf der Straße, ohne Aufgabe, ohne Beschäftigung. Deshalb
bieten die Mitarbeiter von Itemba Labantu auch Sport-, Theater- und Musikkurse
an.
5.
Einzelne Jugendliche können in Itemba Labantu eine
kostenlose Ausbildung machen, etwa zum Autoschlosser oder Solartechniker. Über
ein Stipendium verdienen sie in dieser Zeit schon erstes Geld.
Lust zu helfen?
Das Zentrum ist dringend auf Spenden angewiesen: www.themba-labantu.de
Das Zentrum ist dringend auf Spenden angewiesen: www.themba-labantu.de
Samstag, 14.02.
Gestärkt durch die schon bekannten Chili-Frikadellen (vgl.
den Bericht vom 11.02.2015) versammeln wir uns um 9.00 Uhr zur Andacht, die heute
durch Pastor Thaniseb vorbereitet worden ist. Der Tag nach der Andacht steht
uns bis 17.00 Uhr zur freien Verfügung. Die Namibier nutzen ihn, um Provisionen
für ihre morgige Rückfahrt zu besorgen, unsere Entscheidung fällt auf einen erneuten
Besuch von Kapstadt. Diesmal soll es jedoch in das Viertel Woodstock gehen, in
welchem sich Künstler, Freidenker und Hipster angesiedelt haben. Gerrit wird
zuvor zusammen mit Pastor Thaniseb vom Dean zu einem kurzen Meeting gebeten. Da
ein kurzes Meeting alles von fünf Minuten (eher selten) bis zwei Stunden (eher
häufig) bedeuten kann, beschließen wir, ohne Gerrit loszuziehen. Auf dem Weg
zum Wagen begegnen wir Stanley und Randell von den Namibiern, die von ihrer
Gruppe „zurückgelassen worden“ sind. Kurzerhand schließen sich die beiden
unserer Gruppe an und wir fahren gemeinsam mit dem Golden Arrow-Bus in die
Stadt. Woodstock entpuppt sich als bunter, umtriebiger Teil Kapstadts, in
welchem Galeristen, Schmuckschmiede, Maler, Schneider und Krämer ihre Waren
anbieten. Nach Betreten eines Geschäfts arbeiten wir uns über mehrere Etagen durch
ein Labyrinth aus Gängen, die zu immer neuen Geschäftsräumen führen, mal finden
wir Antiquitäten, im nächsten Zimmer wartet eine Boutique, ein Zimmer weiter
eine Künstlerin, welche aus dem bei der Entwicklung von Fotografien anfallenden
Abfall das Silber extrahiert, um hieraus Schmuck zu fertigen.
Der Klang von Live-Musik lockt uns auf den Innenhof einer
ehemaligen Industrieanlage. Hier findet laut Einheimischen der Wochenmarkt
statt. Dieser beherbergt zahlreiche Gastronomen, die von Pizza über Sushi,
Curry bis hin zu Thunfisch-Biltong (Dörrfleisch) alles anbieten. Der Markt ist
überfüllt mit gutgelaunten, jungen und alten Menschen, die den Tag und das
Essen genießen, auf dem Boden sitzen, der Band lauschen oder angeregt
diskutieren. Die Musik stammt von einer Jazzband, bestehend aus Gesang,
Gitarre, Klavier, Kontrabass und Violine, die sowohl Standards als auch jüngere
Hits in neuem Gewand präsentieren und auch eigene Kompositionen vortragen. Wir
lassen uns von der guten Stimmung anstecken und die Seele auf dem Markt baumeln.
Mittlerweile ist auch Gerrit dazugestoßen.
Nachdem wir uns sattgegessen, -getrunken und -gehört haben,
geht es zurück nach Athlone. Hier wird noch einmal eine kleine Übesession am
Nachmittag eingelegt, bevor ab 17 Uhr eine Probe für den Sonntagsgottesdienst
mit allen Teilnehmern des NAMDUSA-Workshops beginnt. Nicht nur Woodstock,
sondern auch das Youth Centre ist heute sehr umtriebig. Der emeritierte
Erzbischof von Schweden sowie der Bischof des Western Capes haben ihr
Erscheinen angekündigt, zu diesem Anlass werden ein Braai vorbereitet und die Veranstaltungshalle
aufpoliert. Tatsächlich stellen wir jedoch schon sehr bald fest, dass niemand
weiß, wann die Abendveranstaltung überhaupt beginnt. Der Dean, welcher den
Ablauf geplant hat und scheinbar als einziger kennt, befindet sich zu diesem
Zeitpunkt aber in einem Meeting und steht deshalb noch nicht zur Verfügung. Einem
kurzen Gebet eines Gemeindemitglieds folgt die Eröffnung des Braai, wieder
einmal dürfen/müssen sich die Deutschen als erste am Büffet bedienen. Nachdem
alle satt sind, schnappen sich die Namibier ihre Instrumente und schmettern einige
Choräle, Gerrit, Daniel und Benni gesellen sich hinzu. Während die einen also
Musik machen, die anderen quatschen oder noch kauen, betreten plötzlich der
Dean, der emeritierte schwedische Erzbischof und der Bischof des Western Cape
den Saal. Der Dean läutet den offiziellen Teil des Abends mit den Worten „für
das Konzert haben wir nur zwanzig Minuten zur Verfügung. Ich lege aber noch
einmal weitere zehn Minuten darauf, somit haben wir 30 Minuten.“ ein. Nach
einer ausführlichen Vorstellungsrunde sämtlicher Teilnehmer der Veranstaltung,
welche ca. 25 Minuten beansprucht, wird jede Gruppe gebeten, einen musikalischen
Beitrag zum Abend zu leisten. Wir haben aber nicht damit gerechnet, dass dieser
Auftrag auch den Bischof ereilt, welcher durch eine Kollekten-Sammlung dazu
ermuntert werden soll, den Abend durch eine persönliche Gesangseinlage zu
bereichern. Womit wir noch weniger rechnen, ist die Tatsache, dass sich der
Bischoff zur Erfüllung dieser Aufgabe keiner sakralen, sondern einer allzu
weltlichen Literatur („Let it be“ von den Beatles) bedient und diese mit einer
Rockröhre präsentiert, bei der Tom Jones neidisch geworden wäre. Am Ende seines
Liedes ist die gesamte Gemeinde auf den Beinen – grandios!
Der Segensspruch des Erzbischofs beschließt den offiziellen
Teil des Abends und leitet unsere gewohnt gesellige Runde ein, am heutigen
Abend ergänzt um einige unserer namibischen Freunde.
Freitag, 13. Februar 2015
Freitag 13.02.
Was für ein Tag. Schon das Frühstück begann mit gleich
zwei Premieren, einer neuen Sorte Wurst und Rühr- statt Spiegelei, wir waren
begeistert. Die morgendliche Andacht sollte um 11:00 Uhr in iThemba Labantu (vgl. zahlreiche Blogbeiträge der vergangenen
Aufenthalte) stattfinden. Da auch geplant war, dort zu Mittag zu essen und sich
das Gelände anzuschauen (natürlich mit Besuch des „Gift-Shops“), wollten wir
spätestens um 9:30 Uhr aufbrechen. Kurz zuvor wurde dieser Plan allerdings vom
Dean durch das Ansetzen eines „Leader-Meetings“ durchkreuzt.
Wir anderen nutzten die Gelegenheit, ein paar Stücke zu
proben, bis wir uns um 10:30 Uhr überstürzt auf den Weg begaben. In iThemba durften wir einer mitreißenden
Morgenandacht mit vielen Kindern, Patienten, Gästen, Mitarbeitern und viel
Musik beiwohnen, bevor uns Sophia, die seit 2006 dort tätige Sozialarbeiterin,
herumführte und geduldig allen Fragen Rede und Antwort stand.
Nach einem kurzen Einkaufsbummel durch den „Gift-Shop“ –
unsere Freunde aus Namibia hatten sich bereits verabschiedet – genossen wir
einen Eintopf aus Mais und diversen Hülsenfrüchten. Im Anschluss gaben wir ein
kleines Ständchen auf der AIDS-Station, bevor wir uns herzlich von Pastor
Kohlstock verabschiedeten (ein Exklusiv-Interview lesen Sie noch nicht an
dieser Stelle).
Wieder in Athlone angekommen, nutzten wir die verbleibende
Stunde bis 17:00 Uhr für eine weitere kleine Probe. Als heutiges Ziel für den
Jungbläser-Workshop hatten wir uns das gemeinsame Spielen von „Dank, dank die Heer“
gesetzt, nach dessen Erreichen wir uns auf den Weg zum Braai bei Wakefields (vgl.
zahlreiche Blogbeiträge der vergangenen Aufenthalte) machten.
Dort erwartete uns ein gewohntermaßen so reichhaltiges
Angebot leckerer Köstlichkeiten, dass das Reichen von insgesamt vier Torten als
zweite Dessert-Runde schon fast Körperverletzung gleichkam. Dennoch schlugen
wir auch hier zu. Glücklicherweise hatten wir unser alljährliches Gartenkonzert
bereits zu Beginn des Abends gegeben.
Thelo hatte einige interessante Freunde eingeladen, mit
denen wir uns angeregt über Eigenheiten unserer jeweiligen Heimatländer sowie
noch anzuschauende Sehenswürdigkeiten der Kap-Region und zu probierende
kulinarische Spezialitäten austauschten. Nachdem wir gespannt den Anekdoten des
Hausherrn gelauscht hatten, verabschiedeten wir uns musikalisch mit „Bleib bei
mir Herr“ sowie zahlreichen Umarmungen, bevor wir uns auf den Rückweg nach
Athlone machten, wo wir nun zu nachtschlafender Zeit in gemütlicher Runde den
noch jungfräulichen Valentinstag begrüßen.
Donnerstag, 12. Februar 2015
Donnerstag, 12. Februar
Beim Abschied hat Pastorin Sofia Olifant Tränen in den
Augen. „Mögen sich die Wege vor Deinen Füßen ebnen“, singen wir vierstimmig vor
ihrem Haus im abgelegenen Dorf Touwsrivier. Die Sonne ist schon untergegangen,
ein lauer Abendwind kühlt uns die Gesichter, während unser irischer Segenswunsch
durch die stillen Straßen klingt: „Und bis wir uns wiedersehen und bis wir uns
wiedersehen, möge Gott seine schützende Hand über Dir halten….“
Sofia schluckt und wischt sich lächelnd ein paar Tränen aus
den Augenwinkeln. „Ich bin so dankbar, dass Ihr uns besucht habt“, sagt sie. „Das
bedeutet uns sehr viel.“ Touwsrivier ist ein 8000-Einwohner-Ort gut zwei
Autostunden nordöstlich von Kapstadt, so abgelegen wie ein vorpommersches Dorf
zwischen Greifswald und Anklam.
Der Spar-Supermarkt ist der einzige Arbeitgeber, die meisten
Bewohner verdienen ihr Geld als Traubenpflücker in den Weinbergen ringsherum. Sofia
arbeitet seit sieben Jahren als Pastorin in der evangelisch-lutherischen
Kirchengemeinde. 300 zahlende Mitglieder gehören dazu, in den Gottesdienst
kommen meist um die 70. Vor allem die „women‘s prayer league“, die Frauengruppe
in der Gemeinde, ist sehr aktiv. Aber manchmal, deutet Sofia an, hat man hier
das Gefühl, dass der Dean – der Dekan - seine Schäfchen auf dem Land vergessen
hat, dass die spannenden internationalen Gäste immer nur Kapstadt besuchen und
an Touwsrivier vorbei sehen.
Wohl auch deshalb zieht Sofia jetzt alle Register, um uns zu
beweisen: Ein Besuch hier lohnt sich. Um 7 Uhr morgens waren wir in Athlone aufgebrochen
in der Erwartung, am Vormittag ein kleines Bläser- und A-capella-Konzert in
einer Schule von Touwsrivier zu geben. Doch als wir gegen 10 Uhr endlich Sofias
flaches Haus mit dem staubigen Rosengarten vor der Tür erreichen, ist von
Schule keine Rede mehr. Stattdessen schenkt uns Sofias Gemeinde eine Safari!
„Habt ihr noch Platz im Auto?“, fragt sie und schiebt sich
vorne auf den Beifahrersitz, während wir hinten zusammenrücken. Rund 15 Minuten
später finden wir uns überrascht und überwältigt im Aquila Reservat wieder:
einem Naturschutzgebiet mit 7500 Hektar Land, viel Platz und Schutz für exotische
Tiere, darunter auch die berühmten „Big Five“: Löwe, Leopard, Büffel, Elefant
und Nashorn.
Der Ranger und Kirchenälteste Timothy, ein smarter Typ mit
Kinnbart und Grübchen in den Wangen, lässt uns in einem offenen Jeep Platz nehmen
- los geht die Safari. „Ich wollte mal Schauspieler werden“, erzählt uns
Timothy. Jetzt ist das Reservat sein Schauspielhaus, das Publikum sind wir. Und
die Protagonisten, die nach und nach auf die Bühne treten, stellt er uns mit kuriosen
Stories vor.
Da ist etwa das Gnu, der Clown im Revier. Als Gott die Tiere
geschaffen hatte, soll er noch Material übrig gehabt haben. Kurzerhand warf er
alle Reste zusammen - und heraus kam das Gnu. Der Kopf scheint vom Büffel zu
stammen, die Mähne von der Hyäne, das Hinterteil vom Pferd… auch Straußen, Giraffen,
Zebras, Nilpferde und weitere Tiere, die wir sonst nur aus dem Zoo kennen,
bekommen wir an diesem Mittag vor die Linse, manche grasen nur ein paar
Schritte von unserem Wagen entfernt.
Timothy warnt vor ihrer Kraft, erzählt von dummen Touristen,
die etwa zu nah an Elefanten herankamen und mit ihrem Auto zum Spielzeug der
riesigen Dickhäuter wurden. „Die Leute sagen dann immer: Das Tier hat das und
das gemacht! Ich frage: Und was hast Du gemacht?“ Mehr Respekt vor der
Schöpfung wünscht er sich, mehr Verständnis dafür, dass hier jeder seinen Raum
braucht und verdient hat.
Ein üppiges Mittagessen im Reservat-Restaurant und ein Bad
im Pool hinter dem Haus warten danach auf uns… das ist also unser Ausflug nach Touwsrivier!?
Wir können unser Glück kaum fassen.
Am Abend dann das Konzert, das wir Deutschen in der Kirche ein
paar Schritte entfernt von Sofias Haus geben dürfen. Rund 40 Menschen drängen
sich in den hinteren Bankreihen, viele ältere Frauen sind darunter, aber auch ein
paar Kinder und Jugendliche. Die Bläser unter uns trumpfen mit Bach und Händel
auf, spielen Pezelius, schmettern am Ende „Zur Feier des Tages“ von dem
tschechischen Komponisten Janker – und ernten begeisterten Applaus. Aber auch
ein kleiner Chor der Gemeinde tritt auf und unser Minichor mit einem „Zottelmarsch“,
bei dem die Stimmen Marschmusik einer Blaskapelle imitieren.
„Ihr müsst wieder kommen und nächstes Mal auch einen
Workshop bei uns geben, so wie in Kapstadt“, sagt eine der Frauen am Schluss. „Auch
hier gibt es Jugendliche, die Talent haben, aber niemand ist da, der sie
unterrichten könnte!“
Wir wissen nicht, ob und wie ein solcher Workshop sinnvoll
sein könnte. Aber eins ist sicher. Wir kommen gerne wieder. Nicht nur wegen der
Big Five.
Abonnieren
Posts (Atom)


